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Die Kapitel über "Fremdvölker" aus dem Sancai tuhui

 
   

I  Zum Buch und zu seinem Verfasser

Der Titel Sancai tuhui bedeutet: "Sammlung von Illustrationen zu den Drei Kräften". Mit den Drei Kräften – Himmel, Erde und Mensch – ist der gesamte Kosmos gemeint.

Das Sancai tuhui ist eine Enzyklopädie vom Anfang des 17. Jahrhunderts. In anschaulicher Weise vermittelt es das Wissen der damaligen Zeit über den Menschen und seine Einbettung in die Welt. Das Buch ist nach Sachgruppen gegliedert. Es enthält Abschnitte über Astronomie und Geographie, wichtige Persönlichkeiten der Vergangenheit und nichtchinesische Völker, über Architektur und Technik, Künste und Anatomie, Zoologie und Botanik sowie über Themen wie Kleiderordnung und Ritensystem, die für das richtige Verhalten in der Öffentlichkeit von Bedeutung waren.

Von seiner Aufmachung her läßt sich das Buch mit unserem Bilderduden vergleichen: Auf jeder Seite findet man Abbildung und Text einander gegenübergestellt, wobei der Text zur Erläuterung des Bildinhalts dient, die Abbildung zur Verdeutlichung des im Text Gesagten.

Der Verfasser des Sancai tuhui, Wang Qi, stammte aus Shanghai. Im Jahr 1565 erlangte er den Doktorgrad, blieb jedoch zeit seines Lebens in niedrigen bis mittleren Beamtenstellungen.

Sein Hauptinteresse galt offenbar nicht der beruflichen Karriere, sondern dem Verfassen von Büchern. So schrieb er 1586 eine Fortsetzung des Wenxian tongkao ("Gründliche Analyse des überlieferten Materials"), einer umfangreichen Staatsenzyklopädie des ausgehenden 13. Jahrhunderts, in der er Material aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit verarbeitete. In seinem Dongwu shuili kao ("Untersuchung zum Bewässerungssystem in Ost­Wu") setzte sich Wang Qi in einer Detailstudie mit dem zu seiner Zeit aktuellen Problem der Gewässerregulierung auseinander und ergänzte seine Ausführungen durch Illustrationen. Im Baishi huibian ("Thematisch gegliederte Sammlung Minderwertiger Geschichte") sammelte er zu verschiedenen Themen anekdotenhaftes Material, das in den offiziellen Geschichtsbüchern keinen Platz fand, jedoch interessantes Ergänzungsmaterial bieten konnte. Dieses Werk wurde, ebenso wie das Sancai tuhui, im Jahre 1607 fertiggestellt und etwa zwei Jahre später erstmals gedruckt.

Man könnte sagen, Wang Qi war ein begeisterter Sammler von verschiedenartigstem Material, von Anekdoten genauso wie von offiziellen Dokumenten, von überkommenem Brauchtum wie von technisch-naturwissenschaftlichem Wissen. Um dieses Wissen zu vermitteln, setzte er als einer der Ersten Illustrationen ein, um ohne viele Worte Eindeutigkeit bei der Erklärung komplizierter Sachverhalte zu erreichen. Die Abbildungen wurden übrigens, wie er selbst schreibt, vorwiegend von ihm selbst gemacht.

Doch warum lag Wang Qi so viel daran, sein Material so pädagogisch und übersichtlich aufzubereiten? Im Vorwort zum Sancai tuhui schreibt er, er wolle damit dem "gelehrten Beamten" Wissen in die Hand geben, um die Prüfungen zu den höheren Ämtern erfolgreich bestehen zu können. Zu seiner Zeit war dabei, anders als noch kurze Zeit zuvor, Sachwissen mindestens genauso gefragt wie rhetorische Gewandtheit. Und gerade dafür, um zu bestimmten Prüfungsthemen innerhalb kurzer Zeit alles benötigte Wissen parat haben zu können, war eine in dieser Weise strukturierte und illustrierte Zusammenstellung bestens geeignet.

Die Ausgabe des Sancai tuhui, aus der wir die drei Kapitel über die "Fremdvölker" herauskopiert haben, ist mit den gleichen Druckstöcken gemacht, die 1609 für den Erstdruck geschnitten wurden. An den gelegentlichen Fehlstellen und Undeutlichkeiten kann man jedoch erkennen, daß die Druckstöcke bei Herstellung des Exemplars, das die Hamburger Seminarbibliothek besitzt, schon längere Zeit in Gebrauch gewesen sein müssen, es also um einige Jahrzehnte jünger sein dürfte.

 

II  Die Kapitel über "Fremdvölker"

Klärung des Begriffs

Beim Durchblättern dieser Sammlung und einem ersten Blick auf die dazugegebenen Übersetzungen mag man sich wundern, daß es hier um "Fremdvölker" gehen soll. Neben den Bezeichnungen für verschiedene Volksstämme findet man in der Hauptsache Ländernamen, wobei einige davon eher größere Gebiete als wirkliche Länder zu bezeichnen scheinen, oder gar nur Städte, wie das zweimal in der Sammlung auftauchende Mekka. Bei genauerem Hinsehen findet man, friedlich vereint mit Ländern, die man durchaus für real halten kann, Namen wie "Land der Rückenäugigen" , "Land der Fischmenschen" etc., und die nebenstehende Abbildung bestätigt alsbald den Verdacht, daß es sich hier wohl um Phantasiegebilde handeln muß. Gegen das Ende hin wimmelt es schließlich nur so von "Göttern" und "Monstern", bei denen man sich fragen mag, abgesehen davon, warum sie überhaupt hier versammelt sind, ob es von ihnen denn jeweils mehr als nur ein Exemplar gegeben haben soll.

Zunächst muß zum Begriff "Fremdvölker" gesagt werden, daß es sich hierbei um einen von uns gewählten Ausdruck handelt, der im chinesischen Text nicht vorkommt. Die drei von uns hier wiedergegebenen Kapitel bilden den Abschluß eines Abschnitts, der die Überschrift "Menschen" trägt. Den Hauptteil dieses Abschnitts bilden Biographien bedeutender Personen der Vergangenheit, von Kaisern, berühmten Philosophen, Dichtern und Mönchen. Während bei den Biographien einzelne Personen als Individuen skizziert werden sollen, geht es im "Fremdvölker"-Kapitel um die Darstellung von Menschentypen, und zwar von Menschen, die als nicht zum "Reich der Mitte" gehörig angesehen werden. Dabei spielt es offenbar keine große Rolle, ob diese Menschentypen eine größere oder kleinere Gegend bewohnen, und ob man sie als Volksstamm oder als Land in die Sammlung aufnimmt. Übrigens kann man dasselbe Phänomen auch in den chinesischen Dynastiegeschichten finden: Auch dort werden Fremdvölker am Schluß der Abteilung "Biographien" behandelt. Und daß neben vertrauenswürdigen auch solche Wesen auftauchen, die offensichtlich der Phantasie entsprungen sind, ist ebenfalls für die chinesische Tradition nicht ungewöhnlich. Schließlich haben die Fabelwesen ja alle mehr oder weniger menschliche Züge, und kein gewissenhafter chinesischer Geograph hätte sie in seiner Abhandlung so einfach weglassen dürfen. Und überhaupt, wer weiß denn sicher, ob es Länder wie das der "Einäugigen" nicht wirklich gibt?

Die Beischriften

Um jeden einzelnen Eintrag wörtlich zu übersetzen, hätten wir zum einen zuviel Zeit investieren müssen, zum anderen wäre die Arbeit nicht sehr sinnvoll gewesen, da viele Angaben stereotyp sind und auf Dauer bei der Lektüre nur langweilen. Statt dessen sollen im folgenden Hauptinhalte und, an Hand von Beispielen, Besonderheiten bei den einzelnen Beischriften herausgearbeitet werden.

Insgesamt enthalten die Texte Angaben zu folgenden Punkten:

– Name des Landes;
– Angabe, ob befestigte Siedlungen existieren oder nicht (= Maßstab für die Kultiviertheit eines Volkes)
– Aussehen, Kleidung und Lebensweise der Leute
– geographische Gegebenheiten und natürliche Schätze des Landes
– wichtige Produkte
– besondere Sitten
– Vergleich mit anderen Stämmen
– Sprache
– Entfernung von China.

Die meisten Beischriften enthalten jeweils nur einige dieser Angaben. Am längsten sind die Texte von Kapitel 12. Da sie jeweils eine eigene Seite ausfüllen, haben wir sie nicht kopiert.

Interessant bei der letztgenannten Angabe, der Entfernung von China, ist der Bezugspunkt sowie die Bemessungsgrundlage. Und zwar lautet die stereotype Formel: "Zu Pferde bis nach Yingtian fu (= Bezeichnung in der Ming-Zeit für Nanking) braucht man X Jahre, Y Monate." Bei dieser mühsamen und sicher gewissenhaft betriebenen Berechnung muß man sich wundern, daß Hinweise über Himmelsrichtungen fehlen – ob man von Nanking aus gen Süden oder Norden aufbrechen muß, um nach einem Jahr und acht Monaten bei den Olot (13/7b) anzukommen, bleibt offen. Übrigens findet man eine solche Entfernungsangabe auch bei einem Land, dessen Existenz zweifelhaft ist, nämlich dem "Land der Hunde" (12/27). Dort ist zum einen die Rede von Wesen mit Menschenleib und Hundekopf, die lang behaart sind, keine Kleidung tragen und in der Hundesprache reden, und die geraubte Chinesinnen zur Frau haben, zum anderen findet man dort den Hinweis, man brauche von da aus zwei Jahre und zwei Monate, um nach Nanking zu kommen.

Auch Bemerkungen zur Lokalisierbarkeit eines Landes sind mit Vorsicht zu genießen. Wenn vom "Land der Unsterblichen" (1412Gb) gesagt wird, es liege östlich des Landes der "Brust­Durchbohrten", welches seinerseits wiederum im Ostmeer angesiedelt wird (dem typischen Aufenthaltsort für Unsterbliche, auch die berühmte Insel Penglai soll sich dort befinden), so macht das die Existenz dieses Landes auch nicht gerade glaubwürdiger. Und daß das "Land der Langbeiner" (14/13a) , wie es im Text heißt, nahe dem "Land der Langarmer" (14/13b) liegt, leuchtet zwar unmittelbar ein, hilft jedoch auch nicht viel weiter.
Einige Beischriften wirken auf den ersten Blick plausibel, enthüllen jedoch verdächtige Details, die durch die Illustrationen in ausdrucksvoller Weise bestätigt werden. So findet man zu einem Land, das sich als Gebiet im heutigen Thailand identifizieren ließ:

Die Menschen dieses Landes haben Schwänze. Vor dem Hinsetzen müssen sie erst ein Loch in die Erde bohren, um es sich bequem machen zu können. Wenn ihnen aus irgendeinem Unglück der Schwanz abbricht, müssen sie sterben. (14/18b)

Das gleiche gilt für ein Volk, das sich als die "Tölös" identifizieren ließ. Von ihnen wird behauptet:

Unterhalb des Knies wachsen ihnen Haare. Sie haben Pferdehufe und sind gute Läufer. (13/27b)

Im folgenden sollen unter mehreren größeren Themenkomplexen Beispiele herangezogen werden, an denen man erkennen kann, wie weitgefächert das Spektrum an Informationen war, welche die Chinesen von ihren näheren und ferneren Nachbarn hatten. Bei manchen Details kann man sich allerdings fragen, aus welchen Quellen sie stammen und von welchen Legenden sie durchwoben sein mögen.

a) Ernährung:

Dort haben sie duftende Bäume, und sie schneiden mit einem Messer die Rinde ein, um sich den Saft zu holen. (12/18a)

Die Menschen dieses Landes halten sich Hirsche wie Kühe und melken sie. (13/6a)

Sie haben wilde Pferde, aber weder Rinder und Schafe, und sie ernähren sich vom Fischfang und von Stutenmilch. (13/8b)

Sie essen Menschenfleisch. (13/31a)

Sie leben von Erde. (14/25b)

Sie kennen kein Getreide, sondern essen nur Fleisch. Sie pflegen ihre Rinder mit einer Nadel anzuzapfen und das Blut mit Milch zu mischen. (14/28b)

Sie ernähren sich von Weizenmehl und Fleisch. (14/30b)
               

b) Kleidung/ Schmuck:

Sie tragen buntbestickte Hosen. (13/18b)

Sie tragen Knochennadeln im Haar. (13/20a)

Sie tragen keine Kleider, und wenn sie einen sehen, der Kleider trägt, lachen sie ihn aus. (13/21b)

Sie tätowieren sich den Körper. (13/22b)

Sie schneidern keine Gewänder, sondern hüllen sich in Brokatstoffe und wickeln sich rote Tücher um den Kopf. (14/21b)

Sie tragen keine Kleidung, nur um die Hüften haben sie ein Schafsfell. (14/28b)
               

c) Natürliche Schätze und Produkte des Landes:

Dort gibt es Bäume, an deren Zweigen Blüten wachsen, die wie menschliche Köpfe aussehen. Sie sprechen jedoch nicht, und wenn sie einer etwas fragt, lächeln sie nur. (12/13)

Von ihnen kommen berühmte Pferde. (13/15b)

Sie stellen Geräte aus Hirschhorn her. (13/20a)

Sie fertigen Gefäße aus Menschenköpfen. (13/32a)

Sie exportieren Löwen. (13/26b)

Sie haben glänzende Perlen und Edelsteine. (14/4a)

Dort wachsen große Weiden. (14/31a)
               

d) Wohnverhältnisse:

Sie errichten geräumige Hütten. (12/31a)

Als Zuhause haben sie ihr Boot. (13/32a)

Sie errichten ihre Wohnstatt auf einem dicken, hohen Elefanten. (14/5a)
               

e) Rituelle Spiele und Tänze:

Am Neujahrstag stellen der König und der Erste General zwei Gruppen auf. Beide schicken je einen Mann in Panzerung hinaus. Die Leute der (jeweils anderen) Gruppe nehmen Ziegelsteine und Stöcke in die Hand und schlagen auf den gepanzerten Mann (der gegnerischen Gruppe) ein. Sobald einer der beiden gestorben ist, hört das Ganze auf, und man prophezeit daraus, ob dieses Jahr Reichtum oder Mangel bescheren wird. (12/37)

Dort werden am Neujahrstag Wettrennen mit Rindern und Pferden veranstaltet. Am siebten Tag betrachtet man die Sieger und prophezeit daraus, wie zahlreich oder knapp in diesem Jahr Rinder und Pferde sein werden. (13/24b)

Sie tragen (Masken mit) Hundeköpfen und Affengesichtern. Frauen und Männer tanzen Tag und Nacht unaufhörlich. Am fünften Tag des achten Monats führt man das Spiel mit den an einer Schnur aufgereihten Elefantenzähnen auf. (14/29b)
               

f) Bestattungsbräuche:

Sie bestatten ihre Toten aufrecht stehend in Särgen. (13/19b)

Ihre Toten werden verbrannt. (13/20a)

Gemeinsam schmaust man die Leichen. (13/22a)

Wenn ein Angehöriger gestorben ist, dann schlagen sie die Trommel, stampfen und singen. Die Verwandten werden festlich bewirtet. Nach Ablauf eines Monats fertigen sie einen Sarg an und setzen diesen nahe einem Fluß hoch in den Bergen in einer Nische bei. (14/30a)

Außerhalb dieser Themenbereiche finden sich noch zahlreiche weitere Beschreibungen besonderer Landessitten, von denen ein paar besonders Interessante noch erwähnt seien: So wird von den Lolos (13/19b) berichtet, die Frauen gingen dort nur sieben Monate lang schwanger; von den Arabern, den Schwarzgewandeten, heißt es: "Wenn sie einen Chinesen sehen, kehren sie ihm den Rücken zu, um nicht von ihm angeschaut werden zu können. Wenn er ihn doch gesehen hat, bringt er ihn um. (12/23) Aus Uddiyana wird als besonders Hervorhebenswert berichtet, daß man dort die zum Tode Verurteilten nicht hinrichte, sondern sie in einsame Gebirge verbanne. (14/27b) Die Bevölkerung der Sula-Inseln (14/16a) habe die Gewohnheit, aufs Meer hinauszufahren, sich von einer anderen Insel Sklaven zu holen und diese an benachbarte Inseln zu verkaufen – Sklavenhandel also auch hier. Und von dem Land Sizilien schließlich wußten die Chinesen damals auch schon einiges. Sie kannten den Ätna, und sie wußten von einer Methode, mit der sich die Sizilianer ihren Berg zunutze machten. Der Text (14/8b) lautet:

In Sizilien gibt es einen Berg, der oben ein Loch hat, aus dem das ganze Jahr Feuerrauch aufsteigt. Die Leute dieses Landes transportieren große Felsen dort hinauf und lassen sie in das Loch hinab. Dort explodieren sie, und heraus kommen lauter kleine Stücke. Einmal alle fünf Jahre tritt Lava aus und fließt zum Meer hinab. Die Bäume, die sie auf dem Weg trifft, verbrennen nicht, nur die Felsen werden schwarz wie Asche.

Einige Texte spiegeln auch geschichtliche Traditionen oder Mythen des jeweiligen Volkes wider, wenn auch etwas getrübt durch die große Entfernung zu China und ein mitunter allzu sinozentrisches Weltbild der Chinesen. Zwei Beispiele seien genannt. Das erste bezieht sich auf Ägypten, das zweite auf die Region, in der das heutige Mekka liegt.

In Ägypten fiel siebzig oder achtzig Jahre lang kein Regen. Doch plötzlich gab es einen Himmelsfluß – keiner kennt seinen Ursprung – der gewaltig strömte und vierzig Tage lang die Felder überflutete. Nachdem er wieder zurückgegangen war, konnte man zwei Jahre lang die Felder bestellen. Der Sage nach soll ein weißhaariger alter Mann aus dem Fluß gestiegen sein und sich auf einen Felsen gesetzt haben. Das Volk verehrte ihn und befragte ihn über die Zukunft. Der Mann redete kein Wort, doch wenn er lachte, dann wurde es ein gutes Jahr, und wenn er weinte, dann wurde es ein schlechtes Jahr. Nach langer Zeit kehrte er wieder ins Wasser zurück. (12/34)

Der Ahnherr des Landes, Po-Luo-Hou, war seit seiner Jugend von ungewöhnlicher Gestalt. Als er herangewachsen war, heiratete er. Seine Frau gebar in der Wüste einen Sohn. Da es kein Wasser gab, mit dem sie ihn hätte waschen können, legte sie ihn auf die Erde und ging fort, um Wasser zu suchen. Sie fand aber keines. Als sie zurückkam, hatte ihr Sohn sein Füßchen in die Erde gebohrt, und heraus sprudelte eine klare Quelle. (12/32)

Als Mythos entpuppt sich bei genauerem Hinsehen auch eine Szene, die auf den ersten Blick nur ein fröhliches Fest auf einer Stadtmauer darzustellen scheint, und zwar bei dem von uns als "das Djabulsa arabischer Erzählungen" identifizierten Land. (12/21) Bei dem runden Loch, das auf dem Bild unterhalb der Stadtmauer dargestellt ist, handelt es sich nämlich, wie aus dem Text hervorgeht, um die im Westen untergehende Sonne, und die fröhlichen Musikanten auf der Stadtmauer sind die "Donnermacher". Dazu wird bemerkt:

Jedesmal, wenn es donnern soll, versammelt der König des Landes tausend Männer auf der Stadtmauer, die ins Horn tuten, Gongs anschlagen und die Trommeln rühren. Der auf diese Weise erzeugte Lärm ist so gewaltig, daß schon manches Kind aus Schreck gestorben ist.

Inzwischen sind wir langsam, aber sicher, immer weiter vom verläßlichen Boden glaubwürdiger Beobachtungen abgekommen und in den unerschöpflichen Bereich der Phantasie getrudelt. Genau die richtige Stelle, um abschließend noch etwas zu denjenigen Wesen zu sagen, die, zumindest für unseren modern-abgestumpften Verstand, allesamt der Phantasie entsprungen sind. Innerhalb der 175 beschriebenen "Fremdvölkern" machen sie immerhin zwanzig Prozent aus, und gerade zum Schluß des vierzehnten Kapitels hin drängen sich die vielköpfigen wie auch kopflosen Monster und Götterwesen geradezu. Was das Aussehen dieser Wesen betrifft, so sprechen die Illustrationen meist für sich selbst, doch darüber hinaus findet man in den Texten noch einiges Erwähnenswerte. So wird beispielsweise berichtet, wie die Chinesen erstmals Kenntnis vom Land der Riesen erhielten:

Einst segelten die Leute aus Mingzhou übers Meer. Da kam ein gewaltiger Sturm auf, und sie wußten nicht, wie sie ihr Boot bremsen sollten. Dann wurden sie ans Ufer einer Insel geworfen. Sie waren gerade dabei, Brennholz zu sammeln, als plötzlich ein riesiger Mann erschien, der ging so schnell, als könne er fliegen. Da flüchteten sich die Leute aus Mingzhou ängstlich in ihre Boote. Der riesige Mensch verfolgte sie, doch sie schossen mit der Armbrust nach ihm, und er zog sich zurück. (14/7b)

Zwar nicht auf Augenschein, doch immerhin einem spektakulären Fund, beruht das Wissen von der Existenz der "Langarmer":

Einst fanden Menschen mitten im Meer einen Stoffkittel. Jeder seiner Ärmel maß über zehn Fuß. (14/13b)

Äußerst praktisch sind die Transportmöglichkeiten im Lande der "Brust-Durchbohrten":

Sie haben ein Loch in der Brust. Der Ranghöchste läßt sich von seinen Untertanen an einer Bambusstange tragen, die sie durch das Loch hindurchstecken. (14/15a)

Selbst zur Rezeptur der "Unsterblichen" konnten die Chinesen, die in dieser Hinsicht ja selbst einige Versuche angestellt haben, Auskünfte einholen. Eigentlich erstaunlich, warum in China heute überhaupt noch Menschen sterben müssen ...

Auf einem Hügel steht der "Baum der Unsterblichkeit". Wenn sie davon essen, leben sie lange. Auch gibt es dort eine rote Quelle. Wenn sie daraus trinken, altern sie nicht mehr. (1412Gb)

Und damit sei nun diese kleine Abhandlung beendet, möge sie Spaß machen und den, der an die Phantasie glaubt, unsterblich!

 

Dorothee Schaab-Hanke und Martin Hanke

Für unsere Eltern, Weihnachten 1989.